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Ilse Högler (2014 – im Katalog zur Ausstellung im Künstlerhaus)

Ilse Höger (2014 – im Katalog zur Ausstellung im Künstlerhaus)

Marina Seiller-Nedkoff ist eine ungeheuer vielseitige Künstlerin. Die Retrospektive bietet die Möglichkeit, den Besuchern diese Vielseitigkeit innerhalb von rund vier Jahrzehnten künstlerischen Schaffens vor Augen zu führen.

Vieles ist im Lauf der Zeit dazugekommen, aber eines bleibt immer gleich, im Mittelpunkt ihres Schaffens steht der Mensch : die Conditio Humana  als zentrales Thema. Der einzelne Mensch in seiner Beziehung zum Du, zur Gesellschaft und dann wieder in seiner Geworfenheit auf sich selbst. 

Die alten Ölbilder zeugen noch von der Prägung durch die Wiener Schule des phantastischen Realismus, jener Kunstrichtung, die in Wien dominant war wie sie ihre akademische Ausbildung durchlaufen hat. Doch sie hat sich sehr schnell davon gelöst und wie sie selbst sagt „ihre Disziplin geschult“  durch unzählige, herrlich skurrile, boshafte aber auch sehr witzige Federzeichnungen, neben denen sich dann später sowohl farblich als auch von der Gestaltung her sehr kraftvolle, abstrakte Gemälde entwickelt haben. Als eine weitere Facette kamen auch etliche Buchillustrationen dazu, die sie mit großer Freude gemacht hat, thematisch passend zu ihrer Faszination für das Grimmige im Leben bzw auch das Skurrile. 

Auf ihrer unermüdlichen Suche nach geeigneten Ausdrucksformen für ihre inneren Bilder schien ihr dann in den Neunzigern die Malerei „ausgereizt“. „Ich wollte dreidimensional werden“. So kam es zu den Skulpturen, die heute einen ganz wesentlichen Bestandteil ihres künstlerischen Schaffens darstellen. Aus Ton, aus Ytong, aus Speckstein und mit einer ganz einzigartigen Facette versehen, die es sonst nirgends gibt  und die eventuell der unermüdlichen Veränderungslust , oder vielleicht auch kindlichen Experimentierfreudigkeit, die sich die Künstlerin bis heute bewahrt hat, zu verdanken ist-sie sind nicht statisch.  Durch abnehmbare Köpfe sind auch Außenstehende, sind die Besitzer eingeladen, Mitschöpfer zu werden und die Wirkung nach Belieben zu verändern.  Bei den Speckstein Skulpturen bleiben die Köpfe zwar statisch, aber sie sind ebenfalls so konzipiert, dass  ihre Wirkung je nach Platzierung variabel ist. Auch ihre Malerei ist seither wieder figuraler geworden und existiert gleichberechtigt nebenher.  Die Künstlerin selbst bewegt sich zielsicher und lustvoll zwischen diesen beiden Welten des Ausdrucks, die sich gegenseitig an Qualität in nichts nachstehen. Sich im Gegenteil ganz großartig ergänzen.

Übergeordnet ist das künstlerische Gesamtwerk ein klassisch kontemplatives.  Sehr schön ausgedrückt in einer mittelalterlichen Definition: „Und als Drittes das Auge der Kontemplation, welches mit dem transzendenten Licht (lumen superior) die letzte Wirklichkeit, den Ursprung alles Seins schaut.“ Ein Anspruch, dem sich ein Künstler-im besten Sinne des Wortes-wohl lebenslang zu nähern versucht.  Alle ihre Objekte strahlen eine ernste Würde aus, von der Aristoteles in seiner Ethik schreibt,  dass sie den Akt des Schauens in der Kontemplation auszeichnet.  Diese Art, auf das Sein zu schauen, ist aber auch ein Grundpfeiler aller mystischen Traditionen. Das Mystische ist Marina immer zugeschrieben worden und sie bekennt auch selbst ihre Faszination dafür. In den jungen Jahren für Alfred Kubin, mittlerweile  hat sie dessen Düsternis längst hinter sich gelassen und es kommt vielleicht eher eine Facette der spirituellen Kontemplation hinzu. Wie in einem der Bilder der letzten Jahre: „Gelb-Yellow-Jaune“-man kann nicht umhin, an das innere Licht zu denken. Und so zeigt sich in den Bildern und Skulpturen der letzten Jahre  auch immer wieder ein, allen Welt-Unstimmigkeiten zum Trotz sich Umfangen- wissen , den letzten Sinn-Grund dieser Welt bejahendes Element, thematisch umgesetzt in Arbeiten, die mit beschützen zu tun haben. Man darf gespannt sein wie die Erkenntnisreise weitergeht.

Autor
Marina
Datum
11. April 2022
gelesen
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