Fritz Kindl zu Eröffnung der Ausstellung in der „Galerie Rienössl“, September 2005

„…..Es ist schwer genug, sich in der „Kunst heute“ die Treue zu sich selbst, die Authenzität zu bewahren. In einer Zeit der Artenvielfalt, der Sucht nach täglichen Innovationen seinen Stil zu finden, behutsam aufzubauen um schliesslich zu einer Entwicklung zu gelangen, die auch der gewissenhaften Selbstkritik standhält, obwohl ja ein Künstler nie mit sich selbst zufrieden ist. Aber die Zeit des Suchens ist bei Marina ja schon lange vorbei, ihre ureigenste Handschrift ist in allen Arbeiten deutlich.

Marina Seiller Nedkoff kommt vom figuralen Gestalten, wendet sich aber nach und nach immer mehr bei der formalen Bewältigung ihrer eigenen Aussage nach der Abstraktion zu: Denn eine Aussage, eine Präkontemplation, liegt immer vor. Sie springt nicht, wie manche unser Kollegen es verlangen, die nackte Leinwand an, um aus einer momentanen Befindlichkeit das („ihr“) Bild aus der Fläche zu holen. Sie hat eine sehr präzise innere Vorstellung von ihrem Bild, erst während der Arbeit kann es sein, dass dem vorbereitendem Geist der Zufall zu Hilfe kommt, sich neue Ideen und Phantasien einstellen, die ein Vorhaben verändern, wandeln.

In den neuen Arbeiten, die wir heute sehen, greift sie wieder mehr zum Figuralen, verbindet ihre Aussagen aber intensiver dem Duktus einer Abstraktion, die in ihrer ausholenden Gestik eine flächigere, grosszügige Malerei bringt; die Bewegung in die Komposition zwingt; die Bewältigung der bearbeitenden Materialien souverän beherrscht; die Dichte und die aus dem Urgrund, aus der Tiefe kommenden Farben heben und die, die ihre eigene expressive Malweise vollenden – alles Kriterien, die eine gute, packende Malerei ausmachen.

Erklärende Details, erzählerisches literarisches Beiwerk wird verdrängt – die Malerei wird frei, die Phantasie des Betrachters wird gefordert, das figurale Erwachen tritt in den Hintergrund. Menschen, Gesichter erscheinen, verschwinden, werden überrollt oder steigen aus archaischer Tiefe – wie geheimnisvolle Menhire begleiten sie das Geschehen. Struktur und Farbe wird Schicksal.

Die dreidimensionalen Arbeiten schliesslich sind eine Ergänzung zu diesem Kommen und Gehen – aus den Strukturen des Steins holte sie das Leben behutsam hervor, oder sie reisst es in den Tonfiguren ans Licht: Langgezogene Körper, expressiv in Geste und Mimik, vom Schicksal gestreckt, Strandgut Mensch – oder doch befreit, dem Himmel entgegen, Säulen, die ihren Kopf beweglich tragen, verlieren ?

Von Georges Mathieu habe ich da einen Satz ausgegraben, den ich noch schnell anbringen möchte: „Die Causalität des Geschehens bewirkt den Ansturm des Emotionellen – des Handelnden (also des Künstlers), aber auch des Betrachters“. Es ist also notwendig, Voreingenommenheit zu überwinden um frei zu werden dem Neuen gegenüber. So gesehen sind jetzt Sie, lieber Betrachter, der wichtige Partner geworden. Erschauen Sie sich die Bilder, bis der emotionelle Ansturm sie wachruft, ruft „Dies Bild muss ich haben“ ……und dann kaufen Sie es einfach“.