Wiener Zeitung 19. April 2002
Malerin und Bildhauerin Marina Seiller Nedkoff im Gespräch mit der „Wiener Zeitung“:

In eine andere Welt eintreten

Marina Seiller Nedkoff stammt aus einer Familie, in der vor allem die Frauen seit Generationen künstlerisch und in der Modebranche tätig waren; Sie wurde 1944 auf dem Schloss Gopelsbach in Stadl/Mur geboren und auch ihr Stiefvater, ein Innenarchitekt, förderte wie ihre Lehrerinnen von Beginn an ihr zeichnerisches Talent.

Sie studierte bei Unger Malerei an der Angewandten und bei Kortan am Schillerplatz Restaurierung. Carl Unger liess ihr als guter Pädagoge jede Freiheit und förderte ihre Begeisterung an stets wiederkehrenden Neuaufbrüchen in andere Herausforderungen; eine Zeitlang dominierte die Tusch-, Kohle- und Federzeichnung; dann die lasierende Malerei von Figuren. Erst in den späten 90er-Jahren wandte sie sich der Skulptur zu, heute betreibt sie dazu offene Acrylmalerei, die sich durch explosive Dynamik, starke Farbigkeit und Wendbarkeit des Formates („Allover“) auszeichnet. Sie ist Mitglied des Künstlerhauses, seit 29 Jahren verheiratet und hat zwei Kinder.

War es von Anfang an eine Berufung, Künstlerin zu werden ?

Schon, es ist ein muss, nach dem Motto „Kunst kommt nicht von Können, aber von Müssen“. Es ist auch ein Sein in einer anderen Welt und Zeit. Aber Begabung allein reicht nicht, es muss auch Sitzfleisch da sein.
Welche Vorbilder gab es von Anfang an neben den Lehrern ?
Es waren vor allem Goya und Picasso, weniger die Lehrer, obwohl es nichts sichtbares Gemeinsamens gibt, und Kubin, denn ich habe gerne grimmige Literatur in dieser Zeit (70er-Jahre) gelesen. Die Affinität zu ihm war so gross, dass einmal eine Federzeichnung von mir in einem Geschäft als echter Kubin hinterlassen werden wollte...

Gab es damals nur die Zeichnung oder auch schon parallel Malerei ?

Es waren immer Zeichnung und Malerei parallel – von Anfang an – nur die anfängliche Lasurtechnik wechselte, da sie zu einengend war. Doch es gab auch immer wieder Brüche, Pausen, Zeiten, in denen die Familie wichtiger war. In den späten 90er Jahren kamen die Plastiken dazu – zuerst aus Ton, der selber trocknet, dann aus gebrannten Ton, den ich mit Metallfarbe gefasst habe, und schliesslich die Skulpturen aus Ytong, die herausgeholt werden aus dem Block, was mir jetzt wieder zu anstrengend ist, die sind weiss bemalt. Es gibt auch Materialmix und sie kamen – nach einem Jahr nachdenken darüber – von selbst, wie „nötige Frischluft“, denn ich hatte das Gefühl, „ausgemalt“ zu sein.

Warum haben die Figuren abnehmbare und beweglich veränderbar einsetzbare Köpfe, die auch von ihren Besitzern gedreht werden können ?

Mir geht es dabei um die Abwechslung, die in der Kunst mehr möglich ist als im Leben; sie können traurig, hochtrabend oder bieder wirken, je nach Belieben, aber die Wahl für den Käufer habe ich erst im zweiten Schritt erkannt. Es ging auch darum, etwas Erschwinglicheres als Malerei zu schaffen, das auch in den neuen Wohnungen besser unterzubringen ist. Diese Raumgestaltung hat mich – durch meinen Stiefvater – immer sehr beschäftigt. Genauso wie die Figuren sind auch meine Acrylbilder meist von zwei Seiten betrachtbar (entweder am Kopf zu stellen oder vom Hoch- ins Breitformat zu drehen).

Sie malen meist Frauen, aber es handelt sich wie bei Maria Lassnig nicht um eine feministische Position ?

Nein, ich habe mich in der Rolle der Frau immer wohl gefühlt, auch die Mutterschaft thematisiert, es geht im Bild um Gefühle des Weiblichen und wahrscheinlich malt man sich immer selber; der weibliche Körper ist aber auch schwungvoller für mich in den Kompositionen. Daneben ist aber immer das sozialkritisch, allgemein Menschliche oder die Umwelt und eine religiöse Komponente von Bedeutung gewesen. Mein Mann hat die Arbeit nie verhindert und auch meine Kinder nicht , als sie kleine waren, denn im Urlaub und in der Nacht habe ich immer künstlerisch gearbeitet.

Sie haben viel ausgestellt, trotzdem gibt es keine Bindung zu einer Galerie ?

Angebote dafür gab es schon, aber die Galerien gibt es zum Teil nicht mehr und ich wollte mich nicht binden. Immer wieder habe ich bei Wolfrum in Wien ausgestellt, mich aber auch durch Jahre oft vom Kunstbetrieb ferngehalten. Da nicht Management und künstlerisches Tun nebeneinander gut möglich sind. Im Oktober stelle ich in der Galerie am Börseplatz wieder aus und es gibt Planungen für gemeinsame Ausstellungen mit anderen Frauen; es waren ja nicht nur Aktivitäten in Wien, sondern auch in Deutschlang (Mainz, Frankfurt, Wiesbaden etc.) und in der Schweiz (Zürich), 2001 in St. Petersburg und in der Galerie Alpha hier. Im Moment ist es mir schon wieder zuviel und ich möchte gerne zugunsten des Schöpferischen pausieren.