Manfred Körner

Zur Eröffnung der Ausstellung „Neue Skulpturen -alte Zeichnungen“ in der Galerie Alpha, Oktober 2001

Was steckt hinter diesem Konzept ? Graphik , in welcher Form auch immer, hat eine zweidimensionale Fläche zu bewältigen, Bildhauerei die dritte Dimension.

Meine Bewunderung gilt Marina Seiller Nedkoff nicht deshalb, weil sie in einer dieser Disziplinen hervorragende Qualität liefert, sondern weil sie es mit einer Selbstverständlichkeit schafft, Ihnen in beiden ein Höchstmass an Virtuosität zu liefern.

Das Wesentliche aber liegt darin, dass Ihnen in dieser Ausstellung die Möglichkeit geboten wird, der Künstlerin ein wenig in die Karten zu blicken und die aufregende Spannung, die zwischen diesen beiden Medien besteht, auszukosten.

Bei genauerer Betrachtung ihrer graphischen Arbeit werden sie sehr bald die Affinität zu ihren Skulpturen finden und damit ein hohes Mass an Information über deren Entstehung erhalten. Nicht im Inhalt werden sie diese starke Verwandtschaft bemerken, sondern im Formalen. Die Blätter sind gezeichnete Skulpturen, der Übergang zwischen beiden Medien ist zwingend und absolut nachvollziehbar – eine Symbiose.

Warum nun der Titel „alte Zeichnungen“, obwohl sie doch im Konnex zu Marinas bildhauerischer Tätigkeit absolut aktuell sind ? Die gezeigten Exponate stammen zu einem überwiegenden Teil aus den 80er Jahren, unterscheiden sich jedoch lediglich inhaltlich von den „neuen Skulpturen“. Damals schrieb man über die Blätter der Künstlerin, dass ein dumpfe Bedrohung über ihnen laste, dass sie Gespenstisches vermitteln, die Angst, Verzweiflung und groteske Trauer des Individuums widerspiegeln.

Die „neuen Skulpturen“ zeigen das Individuum selbstverständlich auch in seinen Gefühlszuständen, doch erscheint es mir geläutert, friedlicher und demütiger als die skurrilen und zeitkritischen, zum teil sogar bösartigen Gestalten der „alten Zeichnungen“.

Eine Skulptur von Marina Seiller Nedkoff bei sich zu Hause zu haben bedeutet für mich ein wohlfeiles Unikat von höchster Qualität zu besitzen, welches obendrein – und das gibt es nur bei unserer Künstlerin – noch seinen Gefühlszustand, seine Seele verwandeln kann.

Wie ihnen Marina Seiller Nedkoff gerne vorführen wird, sind die Köpfe der meisten ihrer Arbeiten nicht fest mit dem Leib verbunden und können scheinbar beliebig platziert werden. Scheinbar deshalb, weil hinter diesen möglichen Variationen System steckt. Sie machen aus einer Skulptur den Suchenden, den Demütigen, den himmelhoch Jauchzenden und wenn sie wollen auch den Schutz suchenden Menschen.

Ein wenig konnte sich die Skurrilität und Bosheit noch in die „neuen Skulpturen“ hinüberretten und wird aus dem Werk Marinas wohl auch nie ganz verschwinden, doch lässt sich für mich eine doch deutlich erfahrbare Verinnerlichung ihrer Objekte feststellen – eine Entwicklung, die stattgefunden hat und von der man nicht weiss, ob sie jemals abgeschlossen sein wird.