Nick Titz, zur Eröffung der Ausstellung in der Gerbgrunben-Galerie, Neusiedl, 1995

In Wien zeigt sie ihre Aquarelle, in Brüssel nimmt sie an der Ausstellung „Österreichische Künstler“ teil, in Graz beteiligt sie sich am Ausstellungsthema „Frauen imaginieren Gott“.

Die Malerin Marina Seiller Nedkoff ist aber nicht nur dem bildlichen Oeuvre verhaftet, sie modelliert und gestaltet auch in Ton. Das Formen des menschlichen Körpers, Momente und Szenen der Körpersprache. Ausdruck von Freud und Leid sind ihre Themen.

Uns sie will es genau wissen. Sie öffnet den Körper, reisst ihn auf, gleichsam um dem Betrachtet zu zeigen, „ schau her, wie´s da drinnen aussieht“, aber auch um dem Wesen des Leides und des Schmerzes auf die Spur zu kommen, was hinter der leidenden Miene. Der Fassade steckt. Es ist in all ihren Arbeiten ein „Blick im Blick“-Motiv zu sehen. Es ist das Hineinschauen in den Körper als physischen Träger geistigen Seins und gleichzeitig Exhibitionismus durch das Hineinschauenlassen und das sich Öffnen.

Wir haben die Ausstellung „Skulpturen-Zeichnungen-Malerei“ genannt. Wir hätten sie besser „Frauenleben“ nennen sollen. Die figuralen Arbeiten in diversen Materialien und Techniken zeigen nämlich die gesellschaftliche Situation der Frau. Sie ist Gespielin, Gattin, Mutter, Begleiterin, ein Wesen, das eigene, ihr gehörige Temperamente und Charaktere hat und ausspielen will, die aber durch ihre Rollen in der Gesellschaft sich immer wieder anpassen muss oder angepasst wird.

Eingeschnürt in Alltagszwänge wird sie als Mumie – fest bandagiert – dargestellt, als Geliebte und Frau umschlungen und so sie ernsthaft ihr Wesen sehen und erfassen will, blickt sie in den „toten Spiegel“.

In manchen Bildern zeigt sich ein Ausbruchswille aus diesem anerzogenen Rollenverhalten – energisch werden die Arme hochgerissen, der Körper bäumt sich auf um dann wieder auf die Knie zu fallen – knieend versucht sie weiterzukämpfen.

Farbglühen zeigt Lebendiges – Totes hat keine Farbe. Manche finden ihre wahre Identität, andere versuchen sich in der Seelenwanderung und in Solidarität.

Gestern waren einige Vorausbesucher in der Galerie, sie waren beeindruckt von der Kraft der Darstellungen, von der Impulsivität des Künstlers. Als ich ihnen sagte, dass der Künstler eine zierliche, zarte Frau sei, kamen sie aus dem Staunen nicht heraus.

Die Künstlerin erzählte mir vor einigen Tagen, dass sie sehr von ihren momentanen Gedankengängen und Empfindungen in ihrem Schaffen abhängig wäre. Das spricht ganz für ihre ungeheure Dynamik der Bilder. Ein figurales Bild ist nun einmal eine Momentaufnahme, die zu einem bestimmten Zeitpunkt physisch-geistig-seelischen Zustandes entsteht. Aber jeder Moment hat Vergangenheit und Zukunft und stellt somit im Geist des Betrachters eine Lebensgeschichte dar. Der Künstler schafft intuitiv, aus dem Empfinden und der daraus sich ergebenden Intuition ein geschlossenen Lebensbild eines personifizierten Problemes.

Wer diese Ausstellung mit meinen Augen sieht, erkennt in diesen Bildern, warum Frausein so ist, wie es sich in der Leistungsgesellschaft zeigt und er erahnt, worum es in den Fragen der Emanzipation hintergründig geht.

Georg Christoph Lichtenberg sagte „Nichts kann mehr zu einer Seelenruhe beitragen, als keine Meinung zu haben“. Wir leben in einer Zeit, wo alle Kunstrichtungen wetteifern und als Synthese in die Postmoderne einfliessen. Kopf- und bauchentstammte Kunst wird gegeneinander ausgespielt - aber im Grunde ist das alles eine Scheinkonfrontation. Kunst ist keinem –ismus verbunden.

Avantgardistisch, traditionalistisch sind nicht wesenshafte Kriterien. Schönheit, Gefühlsreichtum und implizierte Wahrheit neben dem sichtbaren handwerklichen Können zeichnet Kunst aus.